Ruth Werren - Blumen, Pflanzen und Politik

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Ruth Werren 1. Augustrede 2007 in Iberg, Winterthur-Seen

Liebe Gäste
Ich begrüsse Sie  herzlich hier im Iberg zu unserer 1. Augustfeier. Ich freue mich, dass ich hier in Iberg, das zu meinem neuen Wohnquartier gehört, einige Worte an unserem Landesfeiertag sagen darf.

Ich spreche zum Föderalismus, zur Integration und mache noch einige Gedanken über unsere Stadt.

Dass unser Föderalismus überholt sei, habe ich viel gehört und bin zu folgender Meinung gekommen.
Dass wir den  Föderalismus nicht abschaffen dürfen, zeigt sich gerade in den letzten Wochen deutlich. Immer mehr greift der Bund mit neuen Vorschriften in den Bereich von Kanton und Gemeinde ein. Immer mehr haben wir uns Vorschriften von europäischen Beamten zu fügen, die von niemanden gewählt wurden. Ohne Föderalismus können wir diesem Treiben nicht effizient entgegentreten. Es scheint, dass Bern zu wenig ausgelastet ist. Hoffen wir, dass wir uns nicht wie 1291 zusammenschliessen müssen, um dem Treiben in Bern ein Ende zu machen. Wie heisst es doch so schön - wir sind ein einig Volk von freien Bürgern.
 
Peter Rütimann, der diesjährige Präsident des grossen Gemeinderates, hat in seiner Antrittsrede gesagt, dass er die Seele von Winterthur suchen möchte. Dieser Gedanke ging mir nicht aus dem Kopf.
Die Seele ist dort, wo es einem gefällt, dort wo man zu Hause ist, dort wo Familie und Freunde sind, aber oft auch dort, wo man seinen Arbeitsplatz hat. Meine Seele ist vor allem hier in Winterthur, lange in Töss, heute in Seen und natürlich vor allem im Wildpark Bruderhaus oder manchmal auch im Zürcher Zoo. Kurz gesagt: unsere Seelen können überall sein.

Solche Gedanken bewegen wahrscheinlich auch die Menschen, die ihre Heimat verlassen oder verlassen müssen, um hier in der Schweiz eine neue Heimat zu suchen. Schweizerinnen und Schweizer sind immer offen gewesen für Menschen, die wegen schwierigen politischen Situationen aus ihrer Heimat flüchten müssen. Sie kommen und werden oft mit grossen Illusionen über unser Land hierher gelockt, weil sie meinen, dass in unserem Land Milch und Honig fliessen. Einige sind dann enttäuscht wenn sie merken, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger unseres Landes arbeiten und man Milch und Honig erst kaufen kann, wenn man zuerst das Geld verdient hat.

In Winterthur leben 76% Schweizerinnen und Schweizer zusammen mit 24% Ausländern und Ausländerinnen. Ich denke an die grosse Einwanderung in  den 70er Jahren. Diese  Menschen haben damals mit ihrer Arbeitskraft  einen grossen Anteil für den heutigen Wohlstand geleistet. Sie kamen um zu arbeiten, Geld zu verdienen, das sie in ihre Heimat sandten, um ihre Familien zu unterstützen und gute Bedingungen für ihre Rückkehr zu schaffen. Viele sind geblieben, sind heute Schweizer. Sie haben sich integriert, sie gehören zu uns.

Heute hat sich die Situation geändert, viele kamen weil sie flüchten mussten, andere weil sie in unserem Land das Glück suchten. Im Vergleich mit den Einwanderern der 70er Jahre müssen heute für Integration grosse Summen und Bemühungen aufgewendet werden. Über Integration wie auch über die Sozialpolitik wird viel polemisiert. Dieses Polemisieren erweist Integrationswilligen wie auch echten Sozialbezügern einen schlechten Dienst. Für die Integration dieser Menschen wird viel getan. All zu viele unter ihnen tun selber aber wenig. Ich meine, dass die wichtigste Bedingung für die Integration gute Sprachkenntnisse sind. Wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, geht vieles leichter.

Wenn man die stets wachsenden Sozialausgaben verfolgt,  kann einfach nicht generell behauptet werden, dass es den Sozialmissbrauch nicht gibt. Dies hat inzwischen auch die Stadt Zürich einsehen müssen, die nun Sozialinspektoren eingestellt hat. Es wäre für Integrationswillige und echte Sozialhilfebezüger wünschbar, dass  klare und deutliche Verhältnisse geschaffen werden. Auch ich wollte mit einem Vorstoss Sozialinspektoren in Winterthur einführen, Leider war damals die Mehrheit des Grossen Gemeinderates dagegen.

Unsere Stadt erfährt zur Zeit einen grossen Umbruch. Neue Areale werden erschlossen. Neue Ideen, wie z.B. ein Verwaltungsgebäude an bester und teuerster Lage zu erstellen, lassen uns aufhorchen. Dank dem Föderalismus können wir über dieses, meiner Meinung nach überrissene Projekt Stellung nehmen, und das Stimmvolk kann darüber entscheiden.

Gemäss dem Magazin „Bilanz“ befindet sich Winterthur auf dem 31. Platz der Attraktivität. Gemessen an 124 Gemeinden mit über 10'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Dies ist keine schlechte Note. Dass  aber gerade der Erholungswert in Winterthur durch „Bilanz“ so schlecht benotet wurde, kann ich nun wirklich nicht verstehen. Unsere Stadt liegt eingebettet in 7 Hügel. Wir sind die waldreichste Stadt der Schweiz, fast 40% unseres Gemeindegebietes sind mit  Wald bedeckt. 1678 Hektaren dieses Waldes gehören der Stadt. Allein diese Tatsachen hätten eine Bestnote erzielt. Ich hätte Verständnis gehabt, wenn wir in Sachen Littering, also der Verschmutzung unserer Stadt, und vorab wegen der unhaltbaren Situation  um den Musikpavillon herum, eine schlechte Note erhalten hätten. Seit Jahren wird mit erfolgslosen Methoden versucht die Situation dort zu verbessern. Ich hoffe, dass der Stadtrat hier den Rank findet und den Pavillon einfach abbrechen lässt, denn dies wäre die beste, einfachste und günstigste Lösung.

Nun es liesse sich noch vieles aufzählen, Positives und Negatives. Ich bin sicher, dass das Positive weit überwiegen würde. Wir alle lieben unsere Demokratie, wir lieben unsere Stadt, unseren Kanton und unser Land. Sagte doch schon Winston Churchill: Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen - mit Ausnahme aller anderen.

Eine Sorge und einen Wunsch habe ich noch.

Meine Sorge:
Von 10 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben zwei noch nie an einer Abstimmung teilgenommen, drei davon regelmässig und fünf machen nur selektiv vom Stimmrecht Gebrauch. Nicht zu wählen ist auch ein demokratisches Recht. Die politische Herausforderung unserer direktdemokratischen Tradition funktioniert nur dann, wenn wir alle ein Mindestmass an Interesse am Politischen hegen, uns aktiv einbringen in eine Meinungsbildung, selbst dann, wenn sie uns direkt nicht ganz betrifft. Unsere starke Stellung (Weiterentwicklung des Werk- und Finanzplatzes Schweiz, Finanzierung unserer Sozialwerke, Klimaschutz) können wir nur halten, wenn wir uns weiterentwickeln und ständig neu definieren. Dazu braucht es Bereitschaft und die Tatkraft von uns allen - auch als Stimmbürger.

Mein grosser Wunsch:
ich wünsche mir, dass wieder mehr Stimmberechtigte an die Urne gehen oder brieflich abstimmen. Das Wahl- und Stimmrecht in unserer Schweiz ist einmalig. Kein Volk kann so viel mitbestimmen wie wir Schweizerinnen und Schweizer. Wählen Sie im Oktober Kandidatinnen und Kandidaten, die eine sachbezogene, differenzierte und liberale Haltung vertreten und nicht jene, die in Anbetracht des Wahltermins die grössten Purzelbäume machen oder in Betrachtung ihrer bisherigen Standpunkte plötzlich eine 180-Grad Kehrtwendung vollziehen.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen einen schönen 1. August und einen guten Heimweg.